WANDERUNG „RUND UM BERLIN“: ETAPPE 7 NORDOST | BY ANTJE WALDSCHMIDT

Hallo,

da meine Reisepläne in diesem Jahr ausfallen mussten, habe ich mich entschieden das Berliner Umland zu entdecken, denn der November mag zwar lang, aber nicht (nur) grau sein. Und Berlins Umland bietet die Möglichkeit Urlaub vor der Haustür zu machen, nämlich auf einer 7-Tages-Wanderung, die Natur, Stadt und Geschichte auf wundersame Weise vereint. Wie sagt man doch: Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Vorhaben. Heute geht es auf Etappe 7 von Karow bis Wuhletal.

Gegen 10.00 Uhr morgens starten wir auf unsere letzte Etappe der siebentägigen Rundwanderung um Berlin. Wir – das sind wie stets mein einjähriges Söhnchen im Tragetuch und heute ebenso mein Hund und meine Mama – sind besonders gespannt auf diese Etappe, da sie uns auch durch ein gutes Stück ehemalige Nachbarschaft, nämlich durch Marzahn, führt. Bei mir kommt bereits zu Beginn der Tour ein wenig Wehmut auf, da es der letzte Abschnitt unserer Wanderung „Das alpine Berlin“ ist. Wenn wir diese Etappe heute Abend beenden, sind wir rund 150 Kilometer um Berlin gelaufen.

Los geht´s in Karow

Unsere heutige siebte Etappe soll uns auf rund 20,9 Kilometern in 5 Stunden und 20 Minuten vom S-Bahnhof Karow bis zum S-Bahnhof Wuhletal führen. Dabei geht es hindurch durch die Pankower Ortslage Karow zum Stadtrandpark „Neue Wiesen“, wo sich der Blick weitet und ein Aussichtspunkt folgt. Der Weg führt weiter vorbei über Felder zum Gehrensee und am S-Bahnhof Ahrensfelde überquert er die Bahngleise. Hinter Ahrensfelde ragt der Wuhletalwächter, eine künstliche Kletteranlage des AlpinClub Berlin, auf. Es geht über die Ahrensfelder Berge stadtnah und teils steil hinab bis zur Wuhle. Weiter geht’s im BUGA-Gelände auf den Kienberg mit Aussichtsplattform hinauf. Im Abstieg wird noch der Biesdorfer-Marzahner Grenzgraben überstiegen, dann führt der Weg im Wuhletal zu gleichnamigen S-Bahnhof – unserem Endziel.

Im Stadtrandpark „Neue Wiesen“

Wir haben den Bahnhof bereits verlassen und laufen durch Karow. Unser Blick fällt auf eine Wohnsiedlung mit vielen Einfamilienhäusern – irgendwie typisch Berliner Stadtrand. Ruhig. Gediegen. Dennoch urban. Auf einer Infotafel lese ich, dass das Dorf Karow 1920 nach Groß-Berlin in den Bezirk Pankow eingemeindet wurde. Nach 1990 entstanden im Norden und Süden des „Dorfes“ große Neubausiedlungen. Zum Schmunzeln bringt mich Folgendes: „Um 1705 lebten hier 10 Hüfner (Anmerk.: Vollbauer und Hofbesitzer), 7 Kossäten (Anmerk.: Dorfbewohner mit geringem Landbesitz), ein Wohnschmied und ein Hirte.“ Blickt man sich in Alt-Karow um, schaut auf die alte Kirche, die leeren Straßen und die Felder in der Ferne, kann man sich das alte Dorf Karow auch ganz gut vorstellen …

Auf dem Teichberg – wohl mehr eine Erhebung als ein Berg (-;

Wir ziehen unterdessen über einen Feldweg weiter zum Stadtrandpark Neue Wiesen, treffen auf einige Gassigeher mit ihren Hunden. Goldbraunes Laub liegt auf dem Boden, die Bäume sind mittlerweile ziemlich kahl. Schließlich erreichen wir die kleine Erhebung Teichberg auf 62,8 Metern Höhe. Weiter geht es durch den Landschaftspark Wartenberger Feldmark, es folgt eine schlichte Wohnsiedlung, dann erreichen wir die Kleingartenanlage Falkenhöhe-Nord e.V., die sich auf der Infotafel rühmt „schönste Kleingartenanlage Berlins 2004“ gewesen zu sein. Überhaupt ist mir auf dieser siebtägigen Rundwanderung um Berlin bewusst geworden, wie unendlich viele – etwa 70.000 – und vor allem auch schöne Kleingärten unsere Stadt zu bieten hat. Verteilt sind diese im Übrigen in mehr als 700 Anlagen über das gesamte Stadtgebiet – und ja: Berlin ist auch Hauptstadt der Kleingärtner. Allerdings ist auch das Interesse nach den Parzellen ziemlich hoch – die Wartezeit beträgt mehrere Jahre!

Schottische Hochlandrinder auf den Falkenberger Rieselfeldern

Wir laufen durch das Insektenviertel der Kleingartenanlage hindurch – vom Ameisenweg bis zur Hummelgasse, marschieren über einen weiteren Feldweg, dann erreichen wir die Falkenberger Rieselfelder. Mein Blick fällt auf eine große Weide, auf der schottische Hochlandrinder grasen. Eine der ältesten europäischen Rinderrassen, die aus den Hochlandmooren Nordschottlands stammt und durch ihre optimale Anpassung an raue klimatische Verhältnisse und karge Vegetation als besonders robust gilt. Ein prächtiger, zottelig rotbrauner Bulle mit waagerecht nach vorn gebogenen Hörnern steht am Zaun und glotzt uns an. Ich fühle mich in Kindheitstage zurück versetzt und flitze schnurstracks zum Zaun. Direkt neben der Weide steht ein Apfelbaum mit Fallobst und ich füttere den Bullen mit einem kleinen Apfel. Seine raue Zunge schnellt hervor und mein Mini quiekt im Tragetuch vor Vergnügen. Das Zotteltier schmatzt.

„Schottisches Hochlandidyll“ inmitten von Berlin

Natürlich kommt prompt die restliche Herde an den Zaun gestürmt, wartet jedoch im sicheren Abstand von Big Boss. Eigentlich weiß ich ja, dass man Tiere auf der Weide nicht füttern soll – gerade bei Pferden kann es schnell zu Koliken kommen. Am übermäßigen Apfelkonsum können allerdings auch Rinder verenden – und zu große Äpfel(stücke) können in der Speiseröhre stecken bleiben! Und natürlich trifft´s zumeist die „schönen und kräftigen“ Alphatiere, die sich zuerst satt und rund fressen. Das fällt auch mir auf. Als ich versuche den hinten stehenden, zotteligen Untertanen einige Mini-Äpfel zu zuwerfen, murrt der Chef verärgert. Er zeigt Hörner. Nix mit Gerechtigkeit. Keine Nächstenliebe im Revier. Wir ziehen weiter. Die Rinder folgen uns noch eine ganze Weile am Zaun entlang. Könnte ja sein, dass es doch noch was abzustauben gibt …

Das größte Tierheim Europas liegt ums Eck.

Wir rasten am Wegesrand, beobachten das Rindvieh noch ein bisschen. Auffallen tun uns die vielen Gassigeher. Aus der Ferne dringt lautes Bellen rüber. Viel Gebell. Da wird mir klar, dass eines der größten Tierheime Europas ums Eck ist. Im Ortsteil Falkenberg des Bezirks Lichtenberg gelegen, befindet sich das Tierheim Berlin, aus dem im Übrigen auch mein Hund stammt. Die vielen Gassigeher sind Freiwillige oder Paten der Tiere. Als hätte nun auch mein Hund begriffen, wo wir uns befinden, will er plötzlich nur noch weg. Der berühmte sechste Sinn? Ich werfe noch mal einen Blick zum Highland-Cattle und sehe, wie ein älterer Herr die Rinder füttert. Auch er versucht den Leitbullen auszutricksen, möchte das restliche Vieh versorgen. Dennoch: Der Chef sahnt ab. „An apple a day keeps the doctor away“ (Ein Apfel am Tag vertreibt Krankheit und Plag) wird hier wohl nicht zum Motto. Nun frage ich mich doch: Wenn jeder Spaziergänger auch nur einen Apfel an Big Boss verfüttert, kommt dann am Ende des Tages nicht so einiges zusammen? Hoffen wir also mal, dass der zottelige Leitbulle mit einem Bauchgrummeln davon kommt …

Wir laufen weiter durch die Rieselfelder. Es ist abermals ein faszinierender Kontrast von Natur, Weite und Ruhe, den wir hier erleben, während in der Ferne das Panorama von Hochhaussiedlungen auszumachen ist. Die Falkenberger Rieselfelder, zwischen Wartenberg im Westen und Ahrensfelde im Osten gelegen, verdanken ihren Namen im Übrigen der Tatsache, dass hier seit Ende des 19. Jahrhunderts mehr als 80 Jahre lang Abwässer aus der Berliner Innenstadt verrieselt wurden.

Poliklinik mit Regenbogenpferd auf der Havemannstraße in Marzahn – auch ein Stück Berlin.

Mittlerweile haben wir die kahle Hochhaussiedlung erreicht, nachdem wir durch den Landschaftspark am Gehrensee gelaufen sind. Doch wer hier ein größeres, seeähnliches Gewässer erwartet, wird enttäuscht. Immerhin gibt es die nach dem See benannte Gehrenseestraße, die wiederum einem S-Bahnhof ihren Namen gab. Doch von einem richtigen See ist wenig zu sehen, einzig zwischen den Röhrichten blinken kleine offene Wasserflächen auf. Wir ziehen also weiter, passieren das Neubaugebiet, laufen zur Ahrensfelder Chaussee und queren die Bahngleise am Bahnhof Ahrensfelde. Weiter geht es über die Havemannstraße vorbei an Plattenbauten, Fressbuden und der Poliklinik mit Regenbogenpferd – letzteres ein farbenfroher Lichtblick im Kiez. Es ist nicht die Idylle, die ich von dem bisherigen Rundwanderweg gewohnt bin. Aber auch das ist ein Stück Berlin. Und auch hier lässt der Kontrast nicht lange auf sich warten. Bereits aus der Ferne erspähen wir den Wuhletalwächter und betreten auf dem markierten Wuhletalweg begrünten Stadtpark. Am Wächter sind einige Kletterer am Werk – ein bisschen schauen wir zu, dann ziehen wir Richtung Ahrensfelder Berge weiter. Dort marschieren wir auf steilem Pfad die Anhöhe hinauf. Um ehrlich zu sein ist der Anstieg für Berlins „alpine Verhältnisse“ sogar ganz schön steil!

Der Wuhletalwächter

Oben angekommen, sind wir versöhnt. Das 360 Grad Panorama vom Großen Ahrensfelder Berg auf 112,1 Metern Höhe hat es in sich! Weit fällt unser Blick auf die Neubausiedlungen, dazwischen immer wieder grün. Die Sicht führt sowohl Richtung Innenstadt, als auch nach Brandenburg. Die Zeit spielt ebenso mit und taucht das Panorama in ein weiches, warmes Licht. Es ist vielleicht nicht der schönste Ausblick auf die Stadt Berlin – auf jeden Fall aber eine spektakuläre Aussicht, die ich so nicht erwartet hätte. Meine Mama ebenso wenig – und das, obwohl wir in meiner frühen Kindheit keine fünf Kilometer vom Berg gewohnt haben. Auf dem Großen Ahrensfelder Berg sind wir aber nie gewesen. Ich erkenne im Westen sogar das Hochhaus meiner Kindheit. Der Blick schweift weit … da – ganz weit hinten, sieht man heute sogar den Fernsehturm. Ich frage mich, ob es eigentlich einen Ort in Berlin gibt, von dem aus man das Wahrzeichen der Stadt nicht sehen kann? Irgendwie sind Turm und Kugel immer da …

Wir laufen den Ahrensfelder Berg nach Süden hinab. Ebenso steil wie es hoch ging, geht es nun wieder runter. Vorbei geht’s am Fasanenpfuhl, dann queren wir die Landsberger Allee am Betriebshof der BVG und laufen weiter durch den Stadtpark. Die Hochhaus-Silhouette bleibt erhalten. Schließlich erreichen wir das ehemalige BUGA-Gelände, wo wir im Schlängelweg den 102,6 Meter hohen Kienberg mit Aussichtsplattform bezwingen. Natürlich steigen wir auch noch auf den 120 Meter über dem Meeresspiegel stehenden Wolkenhain, der im Rahmen der IGA 2017 gebaut wurde. Der aus 200 Tonnen Stahl bestehende Koloss ermöglicht einen grandiosen Blick über Berlin und ins Brandenburgische hinein. Der Besuch lohnt hier im Übrigen besonders nach der Dämmerung, da die aus einer transluzenten Membran bestehende Wolke von innen heraus Blau leuchtet. Wunderschön. Dass das fetzt, bestätigt übrigens auch mein kleines Söhnchen, das ununterbrochen: „Da, da, da“ kreischt und ganz aus dem Häuschen vom Lichtermeer ist. Wer an dieser Stelle planen sollte nur mal einen kurzen Abstecher hierher zu machen, dem sei gesagt, dass auch Berlins berüchtigte Seilbahn „Gärten der Welt-Berlin“ die Aussichtsplattform „Wolkenhain“ (Anmerk.: Derzeit bis zum 18. Dezember 2020 geschlossen) anfährt.

Für uns geht es wieder hinab vom Kienberg, vorbei an einem Spielplatz und riesigem Holzpferd, von wo aus wir noch mal einen schönen Stadtblick erhaschen. Dann übersteigen wir den Biesdorfer-Marzahner Grenzgraben und passieren den Kienberggarten. Mein Blick schwebt neugierig über den Gemeinschaftsgarten mit seinen vielen Beeten. Ich halte einen kurzen Schnack mit einem Gärtner, der mir erzählt, dass die Tür der Gartenanlage mal wieder von den „Nazis“ geklaut worden sei. Selbstredend ist er verärgert. Er erzählt, dass er das Diebesgut schon einige Mal auf dem Kienberg habe aufsammeln müssen, diesmal sei die Tür aber gänzlich verschwunden. Feige Angelegenheit.

Mein Blick fällt auf einige Pflanzen, die eingezäunt sind. Als ich ihn darauf anspreche, erzählt er von den vielen Rehen, die sich das Grünzeug hier schmecken lassen. Rehe im Kienberggarten? Ich schaue auf die Platten der Neubausiedlung in der Ferne. Mal wieder einer der vielen Kontraste auf unserer Rundwanderung um Berlin. Ich muss zugeben, dass der 60 Hektar große Kienbergpark als neue Parklandschaft am Wuhletal eine tolle Mischung aus Stadt- und Landschaftsraum bildet und ich den 2017 entstandenen Park kaum kenne. Was ich bisher gesehen habe gefällt allerdings. Ich gebe mir selbst das Versprechen, bald wieder zu kommen.

Der Wuhleteich

Wir laufen vorbei am Wuhleteich und weiter entlang der rund 15,5 Kilometer langen Wuhle. Diese ist ebenso wie die Panke ein rechter Nebenfluss der Spree und entspringt bei Ahrensfelde – davon abgesehen ist sie durchweg Berlinerin (-; Der Weg ist idyllisch und schon bald erreichen wir auf dem Wuhletalweg unser heutiges Endziel, den S-Bahnhof Wuhletal im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Gesättigt von Eindrücken bin ich nun doch gar nicht so traurig, dass unsere 7-Tages-Wanderung rund um Berlin vorbei ist. Denn wir haben auf dem rund 150 Kilometer langen Rundwanderweg nicht nur unglaublich viel gesehen – Natur, Stadt und Geschichte erlebt, sondern vor allem ein ganz neues Stadtgefühl entwickelt!

Im neuen Kienbergpark: Der Besuch lohnt!

Und auch wenn die Strecken alle komplett verschieden sind und ich auf dieser letzten siebten Etappe den ersten Abschnitt bis zum Bahnhof Ahrensfelde weniger mochte, so war der zweite Abschnitt in meinen Augen um so interessanter und schöner. So hatten alle Etappen ihre Höhen und (kaum merklich) Tiefen – insgesamt ist diese siebtägige Etappentour rund um Berlin absolut empfehlenswert! Und ich glaube, dass jede Jahreszeit dafür ihren Reiz hat. Ich würde diesen Rundwanderweg um Berlin jedenfalls immer wieder gehen …

Alle Infos zur siebten Etappe findet ihr im Übrigen hier beim DAV. Und zum vorhergehenden Streckenabschnitt geht es hier.

Bis dahin! Eure Antje

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