WANDERUNG „RUND UM BERLIN“: ETAPPE 6 NORD | BY ANTJE WALDSCHMIDT

Hallo,

da meine Reisepläne in diesem Jahr ausfallen mussten, habe ich mich entschieden das Berliner Umland zu entdecken, denn der November mag zwar lang, aber nicht (nur) grau sein. Und Berlins Umland bietet die Möglichkeit Urlaub vor der Haustür zu machen, nämlich auf einer 7-Tages-Wanderung, die Natur, Stadt und Geschichte auf wundersame Weise vereint. Wie sagt man doch: Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Vorhaben. Heute geht es auf Etappe 6 von Waidmannslust bis Karow.

Unsere heutige Tour startet kurz nach 10 Uhr am S-Bahnhof Waidmannslust. Ein Berliner Ortsteil des Bezirks Reinickendorf, der mir bisher unbekannt war, dessen klangvoller Name in mir aber das wohlige Gefühl frischer Waldluft aufsteigen lässt. Nun am Bahnhof stehend, fällt mein Blick auf den roten Backstein des Bahnhofsgebäudes – recht hübsch anzusehen und wie sich herausstellt, steht der Bau unter Denkmalschutz. Über Waidmannslust lese ich, dass es auf eine Villenkolonie zurückgeht, die auf den 1875 von Förster Ernst Bondick erworbenen Ländereien gegründet wurde. Klingt vielversprechend – um so gespannter starten wir nun auf unsere vorletzte Etappe unseres Rundwanderweges, der uns auf etwa 150 Kilometer um Berlin führt.

Los geht´s in Waidmannslust

Unsere heutige fünfte Tour der Berliner Rundstrecke ist die NORD-Etappe, die uns auf 23,5 Kilometern in etwa 5 Stunden und 51 Minuten vom S-Bahnhof Waidmannslust bis zum S-Bahnhof Karow bringt. Dabei verspricht die Tour uns durch Waidmannslust hindurch zum Tegeler Fließtal zu führen, wo wir auf einer schönen Strecke im Feuchtbereich nach Lübars gelangen. Hinauf geht’s auf die Lübarser Höhe, die einen weiten Blick auf das nächste Ziel, die Arkenberge, verspricht. Vorbei geht’s am Schwarzwassersee, wo ein technisches Denkmal aus der Zeit als die Berliner Abwässer auf Feldern verrieselt wurden (1878 bis 1985) eben genau daran erinnert. Am Arkenberg entlang führt der Weg an schönen Badeseen weiter und man kann den künftigen Anstieg auf Berlins höchsten (künstlichen) Berg betrachten, wo derzeit noch Baustelle herrscht. Weiter geht’s nach Französisch Buchholz und über die A 114 zur Panke und nach Karow.

Der Entenspielplatz in Waidmannslust – auch diese Etappe bietet viel für die Kleinsten …

Wir – das heißt mein einjähriges Söhnchen in seiner Trage und ich mit dem Rucksack auf dem Rücken, haben mittlerweile den Entenspielplatz in Waidmannslust erreicht. Auch diese hölzerne Spiellandschaft mit allerlei Schilfgräsern und Entennestern vor grüner Kulisse reiht sich perfekt in genau jene Vorstellung ein, die ich mir vom klangvollen Namen „Waidmannslust“ gemacht hatte. So sind wir beide zufrieden und ziehen kurz darauf weiter zum naheliegenden Tegeler Fließ. Diesem 30,4 Kilometer langen Bach, der rund zehn Kilometer durch den nördlichen Berliner Stadtrand und die restliche Strecke durch Brandenburg fliesst, werden wir auf unserer heutigen Wanderung immer mal wieder folgen. Und schnell stellt sich heraus, dass wir nicht die Einzigen sind: Die Sonne lacht, der Herbst ist golden, es ist Wochenende und unzählige Spaziergänger laufen am Ufer des Fließ entlang. Hellgrün leuchtende Trauerweiden spiegeln sich im Gewässer, dahinter rotbraune Laubbäume und ein strahlend blauer Himmel – malerischer könnte dieser Weg kaum sein.

Immer entlang am Tegeler Fließ.

Wir folgen im Fließtal einem Bretterweg auf dem markierten Barnimer Dörferweg in Richtung Lübars. Schon aus der Ferne kommt eine heimelige Stimmung in mir auf – Pferdehöfe, wohin meine Auge sieht. Ganz nach meinem Geschmack! Lübars ist das älteste Dorf Berlins, in dem heute noch Landwirtschaft betrieben wird – und das merkt man sofort, wenn man sich diesem Reinickendorfer Ortsteil nähert. Pferde grasen auf saftigen Weiden, Traktoren rütteln über die Felder und Bauernhöfen reihen sich neben Stallungen.

Über Bretter auf dem Barnimer Dörferweg in Richtung Lübars.

Wir erreichen den historischen Dorfkern, in dem gerade eine Schar Besucher aus dem 222er Bus an der Endhaltestelle Alt-Lübars aussteigt – offensichtlich ebenso bereit wir wir, dieses Idyll zu erkunden. Ich schmökere unterdessen im historischen gelben „Fernsprecher“, der zusammen mit einer alten Telefonzelle als Büchertausch-Box fungiert. Durchaus charmant – auch wenn ich nicht fündig werde. Vorbei ziehen wir schließlich an der Dorfkirche Lübars auf dem Dorfanger, dann geht es rechts über einen Feldweg geradewegs zur Lübarser Höhe.

Die Lübarser Höhe ist ein renaturierter, ehemaliger Müllberg. Als wir hinaufsteigen, staune ich abermals über den Kontrast, den Berlin uns hier gnadenlos offenbart. Mein Blick fällt auf die nicht zu übersehenden Hochhäuser des Märkischen Viertels – der ersten großen Neubausiedlung des ehemaligen West-Berlins. Kaum zu glauben, dass nur ein guter Kilometer das ländliche Idyll Alt-Lübars` von der Plattensiedlung trennt. Und dennoch: Das Panorama entfacht eine gewisse Faszination – auf der Wiese der Anhöhe picknicken Familien, Kinder lassen ihre Drachen steigen und auch einige Gleitschirme sind zu sehen.

Berlin – Stadt der Kontraste: Blick von der Lübarser Höhe auf das Märkische Viertel

Wir erreichen unterdessen den Gipfel der 85,3 Meter hohen Erhebung und lassen unseren Blick über die einzigartige Landschaft von Lübars gleiten: Natur pur inmitten der Großstadt. Und siehe da: In der Ferne erkenne ich schon unser nächstes Ziel – die Arkenberge.

Die Arkenberge im Visier – Aussicht von der Lübarser Höhe

Nun heißt es aber erstmal die Lübarser Höhe entlang der Rodelbahn wieder hinab zu steigen. Wir wandern durch bunte Herbstwälder, ein entzückendes Birkenwäldchen ist auch dabei und natürlich geht’s auch wieder entlang des Tegeler Fließ im Bundeslandübergreifenden Naturpark Barnim. Vorbei geht es am mitten im Wald gelegenen Schwarzwassersee im Pankower Ortsteil Blankenfelde. Der See ist allerdings trocken, dafür umso dunkler und sumpfig. Das Gebiet am Schwarzwassersee wurde von 1878 bis 1985 als Rieselfeld genutzt. Als Überrest dieser Zeit zeugt ein Standrohr am See – heute ein Denkmal für die Verrieselung des Berliner Abwassers.

Standrohr am See: Denkmal für die Verrieselung des Berliner Abwassers

Es geht durch Blankenfelde hindurch, bis wir einen endlos erscheinenden geradlinigen Weg erreichen, der uns zu den Arkenbergen führt. Diese bildeten einst eine natürliche Hügelkette im nordöstlichen Berlin, bis sie in den 1970er Jahren im Zuge der Lückenschließung des Berliner Rings und des Baus der A 114 abgebaggert wurden. An ihrer Stelle entstanden schließlich zwei Kiesseen und ab 1984 eine Bauschuttdeponie, die zwischenzeitlich geschlossen wurde. Entstanden ist dabei wiederum der (nun) mit 120,7 Metern höchste Punkt Berlins, die Arkenberge. Und auf genau diesen Berg – besser gesagt auf den Doppelgipfel, der durch Bauzäune abgeriegelt ist, blicken wir gerade. In der Ferne erspähen wir, wie zehn – vielleicht auch 20 Leute hinauf wandern, absteigen – und Kinder auf dem höchsten Berg herum flitzen. Uns trennen allerdings ein Verbotsschild und der Zaun vom Gipfelglück. Natürlich sind wir nicht die einzigen, denn während wir uns orientieren, ob es doch irgendwo einen Zugang zu den Arkenbergen gibt, tun das auch unzählige andere Besucher. Von überall raunt es: „Wo geht es da hinauf?“ oder: „Wie sind denn die Familien mit den Kindern da hoch gekommen?“

Die Arkenberge und ihre Kiesseen

Es stellt sich heraus, dass es (selbstverständlich) Lücken im Zaun gibt, durch die besagte Gipfelstürmer geschlüpft sind. Und fast alle Besucher – von der mit perfekter Fotoausrüstung ausgestatteten Wandergruppe bis zu den englischsprachigen Wahlberlinern – um uns herum, treibt alle nur noch eine Frage um: „Wo lässt es sich am besten durchklettern?“ Wir folgen dem illustren Gipfelstürmergrüppchen noch für eine Weile am Zaun entlang, da unser Wanderweg uns zum offiziellen Eingang der Arkenberge führt. Die Gruppe dünnt sich immer weiter aus, da irgendwo immer mal einer am Wegesrand eine Lücke zum Durchschlüpfen findet.

Badesee am Arkenberg

Uns lässt das kalt: Nicht, dass wir nicht auch gern Berlins höchste Erhebung erklommen hätten, doch diesen Hausfriedensbruch zu begehen, lohnt meines Wissens kaum. Die Aussicht verspricht vor allem einen Blick auf die nahegelegene Kleingartenanlage am Bergfuß und weiter bis zum Märkischen Viertel. Das haben wir allerdings bereits von der Lübarser Höhe begutachten können. So werfen wir noch einen Blick auf den umzäunten Eingangsbereich des Privatgeländes, das wohl einer Bauschuttfirma gehört, die nur sporadisch an bestimmten Tagen ihren Zaun öffnet, damit Berlins höchster Berg offiziell bestiegen werden kann. Wir ziehen mittlerweile am Zaun entlang weiter, wo wir auf der anderen Zaunseite ein aufgeregtes Paar antreffen, das entnervt nach einem „Schlupfloch nach draußen“ fragt. Auf mich wirkt das Ganze schon ein wenig bizarr: Schließlich befinden wir uns in der einst geteilten Stadt Berlin und der Mauerweg ist auch direkt ums Eck …

Mein Blick fällt rechter Hand auf den Arkenberger Kiessee, ganz idyllisch liegt er vor uns. Wir umlaufen ihn in Teilen und stellen fest, dass die Strecke ein wahres El Dorado für Hunde und ihre Zweibeiner ist. Wir treffen auf einige von ihnen, ebenso auf Pferde samt Reiter, Radfahrer und Spaziergänger. Die Sonne geht allmählich unter und der Arkensee taucht in ein sanftes Gelb ein.

Für uns geht es rechts am Ufer des Badesees weiter zum Blankenfelder Graben, dann über den Barnimer Dörferweg bis Französisch Buchholz im Berliner Bezirk Pankow. Wer jetzt über den Namen grübelt – diesen erhielt Buchholz, da sich Ende des 17. Jahrhunderts hier zahlreiche Glaubensflüchtlinge aus Frankreich niederließen. Wir passieren nun eine Kleingartenanlage und erreichen eine Neubausiedlung mit Skatepark. Mein kleiner Begleiter stiert mit großen Augen auf die vielen Skater – einige nur wenige Jahre älter als er! Nachdem wir die Skater hinter uns gelassen haben, geht es weiter durch Siedlungsgebiet, bis wir nach dem Klarapfelweg die Fußgängerbrücke über die A 114 erreichen. Gesperrt! Also ziehen wir noch mal rund 400 Meter weiter nach rechts und überqueren die Autobahn über den Hebammensteig.

Blick auf die A 114: Wer sieht den Fernsehturm? : )

Nun geht es auf dem markierten Nord-Süd-Weg auf einer schönen Strecke immer der Panke entlang weiter. Dieses Fließgewässer zieht sich auf rund 29 Kilometern von der brandenburgischen Stadt Bernau bis ins Berliner Stadtgebiet. In mir kommt ein wenig ein heimeliges Gefühl zum heimatlichen Erpetal im Südosten Berlins auf – die beiden Bäche samt Täler liegen ja auch nur rund 25 Kilometer entfernt voneinander. Auf der anderen Seite der Panke erspähen wir zwei grasende Esel, die dabei ganz gemächlich am Fließ entlang trotten, so als wollten sie den letzten Abendsnack genießen, bevor die Dämmerung einbricht. Wir betreiben ein bisschen Esel gucken, dann verlassen wir die Panke. Wir laufen die Pankgrafenstraße nach rechts und erreichen schließlich den S-Bahnhof Karow. Damit haben wir auch die sechste Etappe rund um Berlin geschafft – und so langsam macht sich schon ein wenig Wehmut breit, dass sich diese Wanderung bald dem Ende neigt.

Idylle an der Panke

Wir freuen uns schon auf den nächsten Streckenabschnitt!

Alle Infos zur sechsten Etappe findet ihr im Übrigen hier beim DAV. Und zum vorhergehenden Streckenabschnitt geht es hier.

Bis dahin! Eure Antje

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