Malawisee: Seele und Lebensader Malawis| by Antje Waldschmidt

Hallo,

in meinem letzten Beitrag habe ich euch von Malawi erzählt, jenem südostafrikanischen Land, dessen Unberührtheit und Freundlichkeit mich begeistert hat. Von den Bergen ging meine Reise weiter an den Malawisee, der Seele und Lebensader des Landes.

Nachdem ich das Bergdorf Livingstonia verlasse hatte, war meine Reise weiter nach Nkhata Bay gegangen, in ein infrastrukturell gut ausgebautes Städtchen am Malawisee. Im weniger erschlossenen Norden ein Hub für Backpacker, Aussteiger und Weltenbummler aus aller Welt … Nkhata Bay hat mich sofort verzückt. Der Malawisee leuchtete in den sattesten Blautönen und lud zum Entspannen ein. Ich verbrachte ein paar schöne Tage im Mayoka Village, einer schicken Lodge direkt am See und genoss es zu Kayaken, Stand Up zu paddeln, unter Palmen zu schreiben und bei Sonnenuntergang unter der Himmelsdusche zu duschen. Himmlisch! Ich besuchte den lokalen Markt, snackte hier und da Lokales und plauschte mit all den anderen Backpackern über ihre Abenteuer. Doch dann war es wieder geschehen: Ich wollte mehr! Mehr von dem, was seit Langem in meinem Kopf herum schwebte … fünf Buchstaben: ILALA!

Ein See wie ein Ozean

Seit Jahren hatte ich von der Ilala geträumt, jenem alten Schiff, das seit 1951 Fracht und Passagiere über den Malawisee schepperte. Es umrundete das drittgrößte Gewässer des Kontinents und hielt an all jenen Orten und Ortschaften, die ich schon immer mal besuchen wollte. Für viele Einheimische – ihre Dörfer und Inseln – war die Ilala jedoch nicht der Luxus meines Traums, sondern Lebensgrundlage. Der einzige Kontakt zur Außenwelt, der ihnen half, ihre Waren zu verschiffen, Handel zu betreiben und sich fortzubewegen. So zählt Malawi zu den ärmsten Ländern der Erde. Bei Dürre oder Überschwemmungen herrscht Hunger. Angelockt vom Wasser hat sich die Zahl der Malawier an den Ufern des Sees in den letzten Jahrzehnten vervielfacht.

Für Besucher war die Ilala dahingegen wohl einer der schönsten und ehrlichsten Einblicke in das Leben und die Kultur der Malawier, die eng mit dem Malawisee verknüpft ist. Doch leider hatte die Ilala ihre besten Tage bereits hinter sich gelassen …

Sonnenuntergang

So wunderte es mich nicht, dass obwohl ihre Ankunft vorausgesagt worden war, mich am Tag meiner geplanten Abreise die Nachricht ereilte, dass die Ilala mal wieder in Trümmern lag. Mir blieb also nichts anderes übrig als noch mal zwei Tage dran zu hängen, um auf die weniger charmante Fähre, die Chilembwe zu warten.

Gesagt, getan. In aller Frühe hatte ich die Chilembwe schließlich erreicht und mich in die Menge der bereits wartenden Menschenmassen eingereiht. Für mich blieb nur noch ein Plätzchen an der Steuerbordseite. Dort ließ ich mich mit meinem Gepäck auf dem Boden nieder, und mir die Sonne aufs Haupt scheinen, während ich gebannt auf das Meer – nein, auf den See – starrte. Kein Land in Sicht. Ein See wie ein Ozean. Es musste an der Weite und dem Blau liegen. Ein wundervolles Blau.

Likoma

Likoma: Grüne Oase inmitten des Malawisees

Nach drei Stunden erreichen wie die Insel Likoma. Kleine Boote nähern sich unserer Fähre. Jetzt heißt es alles zu verstauen, was es zu verstauen gibt. Säcke, Bananenstauden, Babys und Kühlschränke werden von der Chilembwe in die kleinen Boote gehievt. Ich sitze bereits in einem der Boote und beobachte das Spektakel. Neben mir sitzt ein australisches Pärchen, daneben ein Israeli, ein Brite, zwei Südafrikaner und zwei deutsche Burschen. Eigentlich hat sich alles, was auf der Chilembwe ganz offensichtlich als Tourist unterwegs war, in diesem Boot vereint. Wen wundert´s – so gibt es auf Likoma nur ein einziges paradiesisches Budget-Hostel, neben einem exklusiven Resort und ein paar unspektakulären Pensionen. Zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass auch der riesige Kühlschrank zu unserer neu formierten Reisegruppe gehört. Auch er möchte in unseren Backpacker. Schließlich gibt es auf der kleinen Insel inmitten des Sees keine andere Möglichkeit als den Import derartiger Utensilien vom Festland.

ChilembweChilembwe

Likoma lebt einzig vom Fischfang, der Landwirtschaft und dem Tourismus. Es dauert gute dreißig Minuten bis wir das Biest auf unserem Boot verfrachtet haben. Dann müssen wir Passagiere uns neu justieren, um das Gleichgewicht auf dem hölzernen Wassergefährt wieder herzustellen. Los geht die Fahrt! Bei Wellengang und entgegen des Windes scheppern wir erneut über den See. Und so klein die Insel auch sein mag, soll es noch mal eine gute Stunde dauern, bis wir die Hälfte umrundet haben. Genug Zeit, um Einblicke vom Ufer Likomas zu erhaschen und dem Leben, das dort stattfindet.

Drei Worte umschreiben es perfekt: Einfachheit. Gemächlichkeit. Gemütlichkeit.

Likoma

Inseltage im Chillax Modus

Likoma liegt auf der mosambikanischen Seite des Sees, gehört aber zu Malawi. Die Insel ist acht Kilometer lang, ländlich grün und von zahlreichen Baobabs gesäumt. An den Ufern passiert wenig. Ab und an erspähe ich eine Bäuerin auf einem Feld, ein kleiner Junge wäscht sich im See, Mädchen balancieren Feuerholz auf ihren Köpfen, ein paar Ziegen grasen am Ufer. Rund 10.000 Menschen leben auf der Insel. Schließlich erreichen wir unsere Destination: den Mango Drift Backpacker. An einem langen, verträumten Strand im Westen der Insel, stehen die einfachen Häuschen. In der Mitte der Anlage befindet sich eine im Chillax Modus eingerichtete Strandbar. Der Empfang unserer Reisekolonne ist freundlich. Man erwartet uns schon, denn nur wenige Male in der Woche wird Likoma von einer der wenigen Fähren angefahren.

Die Anlage ist ein schlichtes Paradies der Vollkommenheit. Sie erfüllt alles, was ein Reisender vorfinden möchte. Hängematten am Strand, Hängematten in der Beach Bar, Kayaks und Boards für den See, Mangobäume, Kokospalmen und Babobas, wo das Auge nur hinschaut. Kein Internet, kein Handyempfang, keine Partycrew, keine Läden, keine Autos … nein, eigentlich gibt es nichts, außer unserer kleinen Oase.

Mango Drift Schreibstunde

Ich verbringe den restlichen Tag von der Hängematte in die Strandbar wechselnd und wieder zurück in die Hängematte, paddle über den Malawisee und fahre Kayak. Ich gebe mich schlichtweg dem entspannten Likoma-Rhythmus hin. Das Nichtstun ist wunderbar. Die Ruhe einmalig. Der Entspannungsfaktor gegeben. Doch schon am nächsten Tag mache ich mich auf, die Insel zu erkunden.

LikomaLikomaLikoma ist hügelig, die Sonne unerbittlich und die Landschaft zieht sich ewig gleichbleibend mit Gräsern und faszinierenden Baobabs hin. Außer dem Likoma-Taxi gibt es keine Autos auf der Insel. So ist mein Weg einsam – nur ein paar Ziegen, Kühe und Schulkinder begleiten mich. Dann erreiche ich Likoma Stadt. Dort esse ich lecker frittierte Cassava und beobachte die Arbeiter am Hafen. In der Mittagshitze hocken sie auf einem der Fischerboote und werkeln eifrig. Ich näher mich ihnen, arbeiten sie doch an dem Boot, das ich schon am nächsten Tag ans Festland zurücknehmen muss. Die Chilembwe kommt erst in wenigen Tagen wieder – auf sie kann ich nicht warten.

„Wann fahrt ihr zurück nach Nhkata Bay?“, frage ich die Männer.

„Morgen früh, so gegen 9.00 Uhr, wenn Gott will“, ertönt die Antwort.

Zufrieden ziehe ich weiter. Likoma Stadt ist dörflich: außer ein paar kleinen Läden, Imbissen und Pensionen gibt es kaum etwas. Schnell stoße ich auf die für die kleine Insel imposante St. Peter Kathedrale, die neben dem Friedhof empor ragt. Angeblich soll sie die gleiche Größe wie die Kathedrale von Winchester haben. Eine Ziege und ein paar Kinder huschen an mir vorbei. Ich spaziere durch den gepflegten Garten der Kathedrale, dann betrete ich diese. Ich schaue in ein leeres, kühles Kirchenschiff und laufe an den Wandbildern vorbei. Die Buntglasfenster sind hübsch anzuschauen. Das bröckelnde Mauerwerk und die schiere Größe der Kathedrale hinterlassen bei mir den Eindruck, als hätten die Missionare es hier sehr ernst mit ihrer religiösen Überzeugung genommen.

Gefangen im Inselparadies

Am nächsten Morgen breche ich schweren Herzens auf. Kurz vor 9.00 Uhr treffe ich beim Boot ein. Ich bin bereit für die Rückfahrt. Doch nach Rückfahrt sieht es nicht aus! Die Männer werkeln abermals am Motor. Als ich sie frage, wann die Fahrt los gehen würde, rufen sie den Kapitän.

„Habt ihr das Boot reparieren können? Fahrt ihr heute ab?“, frage ich.

„Nein, leider nicht. Hoffentlich morgen“, entgegnet der Kapitän kopfschüttelnd.

Gesenkten Hauptes kehre ich zurück in meine Herberge. Am nächsten Tag wiederholen sich die Geschehnisse: Das Boot ist nach wie vor kaputt.

Likoma HügelSchließlich breche ich am übernächsten Morgen zum dritten Mal zum Hafen auf. Diesmal nicht allein. Nayan, der Brite, will auch zurück. Er ist DJ und muss am folgenden Abend in Nkhata Bay auflegen. Doch auch diesmal schüttelt die Crew den Kopf. Nayan und mir bleibt nichts anderes übrig als weiterzuziehen. Am morgigen Nachmittag würde die Chilembwe zurückkehren, beruhige ich den geknickten Nayan. Gut wäre das jedoch für keinen von uns. Ich hätte nur noch zwei Tage, um schleunigst in die Hauptstadt Lilongwe zu düsen und Nayan würde zu spät zu seinem Gig kommen. Während wir nun am Hafen stehen und über unsere spärlichen Möglichkeiten der Weiterfahrt philosophieren, erspähe ich ein neues Fischerboot. Wir nähern uns diesem.

„Hi. Sag mal, fährst du heute nach Nhkata Bay“, fragt Nayan den Kapitän.

„Ich denke schon. Wahrscheinlich am Nachmittag, wenn ich noch Ladungen bekomme.“

Volltreffer!

Boot

Nächtliche Schunkelfahrt auf dem Malawisee

Halb sechs ruft der Kapitän zum Aufbruch. Dann geht alles ganz schnell. Zwei Warenhändler nehmen auf der Bugwand Platz; Nayan und ich setzen uns auf den Holzrand zu Kapitän und Gehilfen. Langsam setzt sich unser spärlich besetztes Boot in Bewegung. Wir lassen die wundervolle Insel hinter uns. Wehmütig schaue ich wie sie stetig kleiner wird. Dann – nach gerade mal 10 Minuten und Likoma noch voll im Blick – hält unser Boot plötzlich. Der Kapitän nuschelt etwas das klingt wie: „Now, you can pay.

Bei unserem kleinen Reisetrüppchen und der mir bekannten afrikanischen Gelassenheit, verwirrt mich die schnelle Zahlungsaufforderung sehr. Doch ich komme ihr nach. Ich krame in meiner Tasche, bis ich sehe, dass alle anderen mit gefalteten Händen zu Boden blicken. Mir dämmert der Unterschied … Offensichtlich lautete der Hinweis “Now you can pray“. Ich schließe mich der Gebetsrunde an. Sicher ist sicher. Heil ankommen, möchten wir alle. Außerdem hatte ich schon beim Einstieg die aufgemalten Letter gelesen: „Mit Gottes Hilfe schaffen wir es!“ Ich hoffe inständig, dass sich der Kapitän nicht nur auf Gottes Hilfe, sondern auch auf seine Kapitäns-Geschicke verlässt.

Boot

Likoma wird immer kleiner und verschwindet in der Ferne. Ich genieße die unendlich erscheinende Weite. Der Fahrtwind ist angenehm, ebenso das Schaukeln der See. Der Malawisee ist einer der klarsten Seen der Erde, in dem schätzungsweise 1.500 verschiedene Fischarten leben, die es aufgrund der isolierten Lage im Afrikanischen Grabenbruch nur in diesem See gibt … Niemand spricht – ein jeder scheint in seinen Gedanken versunken. Dann verfärbt sich der Himmel ganz plötzlich in den wunderbarsten Farben: gelb-rot-orange erstrahlt der Feuerball über dem endlos erscheinenden Malawisee. Wie gebannt schauen wir uns das Naturschauspiel an. Es ist kurz nach sechs: Alle scheinen bester Laune. So fahren wir weiter, während sich die Dunkelheit langsam einstellt. Bald ist der Himmel tiefschwarz. Nur Mond und Sterne weisen uns den Weg. Noch immer sitzen Nayan und ich auf dem Bootsrand. Ich halte meine Augen geschlossen und träume ein wenig. Das leichte Schaukeln der See lullt mich ein. Doch plötzlich macht es rums – unser Boot steht still!

Boot

Im spärlichen Mondschein sehe ich, wie unser Kapitän am Motor schraubt. Er hat seine Mühe, etwas zu sehen. Das nicht wegen der spärlichen Sicht, sondern vielmehr, da unser Boot nun ganz der See ausgesetzt ist. Wir schwanken heftig. Auf und ab. Fast scheint es, als küsse die Bootskante den See. Auf und ab! Ich starre auf das tiefschwarze Wasser. Der Malawisee, fast so groß wie Belgien, fühlt sich nicht wie ein See an. Vielmehr gleicht er dem unendlich erscheinenden Ozean, und ist zudem Heimat von Krokodilen. Die Tatsache, ohne Schwimmweste, Zweitboot, Handy oder jegliche andere Überlebensstrategien auf dem alten Holzkahn inmitten des Kroko-Sees sang- und klanglos zu kentern, lässt mich schauern. Gleichzeitig fühle ich mich an die Sommerferien meiner Kindheit erinnert, als ich mich im Spreepark Berlin im Piratenschiff kreischend auf und ab schwingen ließ. Wie eine Seekranke taumelte ich kurz darauf stets aus dem Schiff. Mir war schlecht und schwindelig – genug bekam ich trotzdem nie! Auch jetzt muss ich gestehen, dass das Schaukeln neben den bereits erwähnten, beunruhigenden Fakt, etwas beruhigendes hat. Einerseits strotzen die Wellen vor Kraft und rütteln unser hilfloses Boot erbarmungslos von einer Seite auf die andere, andererseits ist es ganz ruhig um uns herum. Auch der Kapitän schraubt trotz der ungleichmäßigen Bootsbewegung entspannt an einem Motorteilchen herum. Ich denke, er ist zuversichtlich, dass Gott ihm beistehen wird. Und ich bin zuversichtlich, dass der Kapitän weiß, was er tut.

Wenig später ziehe ich mich wie in Trance auf den Bootsboden zurück. Platz ist genug. Auf einem der vielen Säcke strecke ich alle Viere von mir. Ich liege auf dem Rücken und schaue in die finstere afrikanische Nacht. Es ist angenehm warm. Die Sterne funkeln, der Mond leuchtet, und das Boot schaukelt fröhlich hin und her. Es muss ziemlich fröhlich sein, bei der Intensität. Ich nehme einen strengen Geruch war. Ohne getrunken zu haben, bin ich in einem leichten Jum. Ich döse ein wenig. Ab und an wache ich auf, schaue in den Himmel, dann fallen die Augen wieder zu. Irgendwann nehme ich wahr, dass sich unser Boot wieder in Bewegung gesetzt hat. Ganz langsam. Eine Zufriedenheit erfüllt mich. Bei all den wunderbaren Dingen, die es zu tun gäbe, will mir nichts einfallen, was ich in diesem Moment lieber täte.

In den frühen Morgenstunden treffen wir in Nhkata Bay ein. Wirklich? Wie konnten acht Stunden nur so schnell vergehen?

Nkhata BayNkhata Bay

Als ich am nächsten Morgen in meinem wunderbaren Chalet im Mayoka Village mit Blick auf den Malawisee erwache, nehme ich einen furchtbaren Geruch war. Ich rieche an meiner Tasche, an Kleid und Pulli, die ich am Vortag getragen habe. Ich rieche an mir. Der Geruch ist gnadenlos. Dann erinnere ich mich wieder. Natürlich! Die letzte wunderbare Nacht auf dem Malawisee … ich hatte mir mein Bett auf den Waren der Händler errichtet: Auf Säcken voller Stockfisch! Alles riecht nach getrocknetem Fisch, inklusive meiner selbst. Dieser intensive Geruch sollte mich noch tagelang begleiten. Aber was sind schon ein paar Tage als wandelnder Stockfisch? Meine nächtliche Fahrt auf dem Malawisee wird mich ganz sicher noch ein Leben lang begleiten …

Bis dahin! Eure Antje

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