Monday-Talk: Mister Seltsam.

Tinder & Co sind und bleiben einfach eine große Spielwiese der Kuriositäten. Neulich matchte ich einen vermeintlich ganz sympathischen Herrn. Anfang 30, Doktorand, großer Fan von Kinderbüchern, naturverbunden und mit großem Fokus auf dem Thema Nachhaltigkeit. Ein für meinen Geschmack überaus guter Start für eine weitere Konversation. Und so kam es auch: Wir verbrachten den Sonntag mit einer ausführlichen WhatsApp-Konversation, während wir beide in Bus & Bahn festsaßen.

Zunächst empfand ich unsere Unterhaltung als wirklich toll. Gute Themen, kein albernes „Wie geht´s“-Geplänkel und fortwährende Neugier, diesen Menschen auch einmal in echt treffen zu wollen. Was mich jedoch ein wenig aus meiner kleinen Wunschdenkblase riss, waren die plötzlich eintreffenden Bilder seines vergangenen Abends. Warum sendete er mir einfach so weitere Bilder von sich? Sein Profil hatte bereits diverse Fotos beherbergt und nachgefragt hatte ich ja auch nicht?

Nun, diese Frage sollte unbeantwortet bleiben und irgendwie war es dann auch OK für mich, denn er sah auf jenen Bildern nur einmal sympathischer aus als auf jenen, die ich bereits von seinem Profil kannte. Wir führten unsere Unterhaltung fort. Wie eingangs beschrieben, hatte er eine große Vorliebe für Kinderbücher. Ein Ressort, in welchem auch ich mich ganz gut auskenne und welchem ich mich ziemlich verbunden fühle. Während des Wochenende war er auf eine alte Ausgabe von Lars dem kleinen Eisbär gestoßen, was er mir entsprechend zu berichten wusste. Auf diese Information wiederum folgte eine nächste WhatsApp-Überraschung: Er schickte mir eine Leseprobe per Sprachnachricht.

Ähm, OK: Finde ich das jetzt creepy oder irgendwie ganz niedlich? Für´s Protokoll: Ich „kannte“ ihn zu diesem Zeitpunkt etwa 1,5 Schreibstunden per WhatsApp!

Allein grundsätzlich bin ich kein großer Fan von Sprachnachrichten. Ich verstehe ihren Benefit, meide es allerdings tunlichst, sie selbst zu versenden und freue mich ob aller Bekannten, die mir idealerweise auch keine selbigen zusenden. Nun war sie allerdings da: Eine Sprachnachricht von einem eigentlich vollkommen fremden Menschen, dessen Stimme ich zuvor nicht ein einziges Mal gehört hatte. Nur ein Anruf seinerseits wäre in diesem Moment wohl schlimmer für mich gewesen und bitte nicht vergessen: Die zuvor geschickten Bilder waren ebenfalls noch nicht ganz von mir verdaut.

Ich hörte sie mir an. Zu meiner Beruhigung durfte ich erkennen, dass mein Match doch in der Tat eine ganz angenehme Lesestimme vorzuweisen hatte. OK. Das Gefühl war ein wenig beruhigt, die Fragen in meinem Kopf jedoch weiterhin existent: Ist dieser Mensch wohlmöglich ein wenig seltsam? Oder bin ich es, die dem allen ein zu großes Gewicht verleiht?

Ich entschied mich dafür, den Fragen mit Optimismus zu begegnen und beschloss, mich weiterhin mit Neugier auf mein Gegenüber einzulassen. Immerhin hatten wir nebst dieser beiden für mich ein wenig seltsamen Momente, eine ziemlich schöne Unterhaltung geführt, welche zunehmend in der Frage nach einem realen Treffen mündete. Wir verabredeten uns. Dienstagabend würden wir uns auf einen Kiezspaziergang treffen.

Bis Dienstag allerdings, galt es noch einige Stunden durchzuhalten. Und so kam es, dass mein Match weiterhin recht fröhlich am Schreiben mit mir war. Es folgte der nahende Dienstagabend und mit ihm eine Nachricht, welche ich doch als überaus uncharmant empfunden habe: Auf einmal hinterfragte mein Match unser Treffen. Warf auf, dass er die Empfindung hätte, wir würden auf etwas vollkommen Unterschiedliches aus sein. Wenngleich dem durchaus so sein könnte, so fragte ich mich doch, wieso ihm das genau zwei Stunden vor unserer Verabredung einfiel? Plus: Unser intensives Schreiben war ehrlich gesagt viel mehr ein Indikator für mich, dass wir ähnliche Absichten hegen könnten.

Ich konnte in jener Situation nicht so recht für mich abwägen, mit welcher Frage ich ihm am liebsten antworten wollte:

Du suchst also nur einen One Night Stand? (Was Dir nur bislang nicht eingefallen ist zu erwähnen?)

Du glaubst also, dass Du keinen simplen Spaziergang mit mir machen kannst? (Weil sich Frauen bei Dir immer in den ersten 10 Minuten eines echten Kennenlernens in Dich verlieben? Oder weil Dir beim erneuten Ansehen meines Profils klargeworden ist, dass Du mich eigentlich gar nicht attraktiv findest?)

Ich war verwirrt, wollte schnippisch antworten, dass es dann wohl auch wirklich keinen Sinn haben würde, sich zu sehen. Aber ich fand meine Beherrschung und entgegnete ihm stattdessen mit aller Offenheit, dass es mich doch ein wenig irritiert, jene Worte zu lesen und ich nicht so recht weiß, was er nun darauf von mir hören wolle. Ich finde ja, dass man einem Treffen immer unter dem Aspekt der Neugier begegnen sollte. Ich habe diese, wenn er sie auch verspürt, so könne es auch einfach ein netter Abend werden?!

Zwei Stunden später fanden wir uns mit zwei Getränken auf einer Parkbank wieder. Er war überhaupt nicht mein Typ. Ich hätte es wohl besser lassen sollen, aber vermutlich wäre ich so nicht an jene Erkenntnis gelangt.

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